Inmitten von Mitte

Berlin Mitte hat in den Jahren nach dem Mauerfall tiefgreifende Veränderungen erfahren. Viele Baulücken wurden geschlossen, moderne Architektur ist entstanden. Das Quartier rund um den Alexanderplatz hat sich zur City Ost gemausert. Einen Kontrast dazu bietet die sich unmittelbar im Westen anschließende Spandauer Vorstadt. Das fast vollständig erhaltene Altstadtquartier zählt nur knapp 9.000 Einwohner. Hier zu wohnen, gilt als schick.

Die lebendige Kiezkultur ist ein Überbleibsel aus DDR-Zeiten. Zwar bröckelten in dieser Zeit die Fassaden und die teilweise zweistöckige Bebauung aus dem 17. Jahrhundert war dem Verfall preisgegeben. Dennoch blieb das Viertel in seiner Struktur und mit seiner historisch gewachsenen Straßenführung erhalten. Nach der Wende avancierte die Spandauer Vorstadt zum Flächendenkmal. Seither wurde hier mit großem Geld saniert. Viele inzwischen rekonstruierte Gebäude dürfen als beispielhaft für den Umgang mit historischer Bausubstanz gelten.
Als Szenebezirk ist die Spandauer Vorstadt nicht nur durch die Hackeschen Höfe bekannt geworden. Die Wiederentdecker des geschichtsträchtigen Stadtviertels waren Künstler aus aller Herren Länder, die schon kurz nach der Wende frei gewordene Hinterhof-Fabriken für Ihre Ateliers und Kunstprojekte besetzten. Das Kunsthaus Tacheles an der Oranienburger Straße erlangte Anfang der 90er Jahre internationale Berühmtheit, die Auguststraße entwickelte sich Stück für Stück zur renommierten Galerie-Meile. Kunstaktionen, zu denen internationale Künstler wie beispielsweise Yoko Ono aus New York anreisten, prägten die Zeit des Aufbruchs. Heute haben sich viele hier ansässige Galerien am kommerziellen Kunstmarkt etabliert.

Aus Besetzern sind Geschäftsleute geworden. Modedesigner folgten ihrer Klientel und dem Trend. Heute ist die Spandauer Vorstadt ein wichtiges Zentrum der hauptstädtischen Modeszene, deren Labels auch internationale Beachtung finden.
Die Künstler zogen das Nachtleben nach sich, unlizenzierte Clubs schossen wie Pilze aus dem Boden und verschwanden ebenso schnell wieder. Der Clubbing-Szene folgten Gastronomen, die Gunst der Stunde für sich nutzend. Nirgends in Berlin entstanden so dicht gedrängt Bars und Restaurants mit Angeboten für alle Geschmäcker und jeden Geldbeutel. Auch Touristen und Flaneure entdeckten dieses charmante und im Wandel begriffene und lebendige Stadtquartier. Galeriemeile und Bohème, Hinterhofidyll und Kneipenszene, nächtlicher Abenteuerspielplatz und New Economy-Standort, Flächendenkmal und neue Architektur.

Die über 300 Jahre alte Spandauer Vorstadt bezieht ihre Einzigartigkeit aus ihren Widersprüchen. Der Ort bleibt im Wandel. Die Entdecker sind weitergezogen. Geblieben sind die Etablierten. Es siedelt sich nun die nächste Generation an, Bits und Bytes haben hier ihr neues Epizentrum.